Kind sein in der Flüchtlingsunterkunft

Kunstaktion mit den Flüchtlingskindern
Bildrechte: Timo Lechner

Weit weg von zu Hause, auf beschwerlichen Wegen nach Deutschland gekommen, schreckliche Bilder im Kopf und Angst im Rücken: Es sind vor allem die Kinder, die in den Zentralen Aufnahmeeinrichtungen (ZAE) für Flüchtlinge Schutz und Halt brauchen. So auch in Zirndorf. Haupt- und Ehrenamtliche sorgen hier für Schule, Betreuung und Zerstreuung. Doch gerade weil seit einigen Monaten weitaus weniger Kinder in der ZAE ankommen, stehen einige Angebote auf der Kippe. Der Bedarf ist nach wie vor da, es fehlen aber wie so oft die Mittel. Und ob sich an diesem Zustand etwas ändert, wenn die Zirndorfer Einrichtung in wenigen Wochen zu einem von sieben sogenannten Ankerzentren in Bayern wird, ist ebenso fraglich.
In der ZAE Zirndorf: Kreativstunde für die Kinder mit der Künstlerin Sabine Schwarz aus Roßtal
Timo Lechner
In der ZAE Zirndorf: Kreativstunde für die Kinder mit der Künstlerin Sabine Schwarz aus Roßtal, die ehrenamtlich einmal im Monat in der ZAE vorbeischaut. Dabei entstehen große Leinwände als Gemeinschaftswerk, jedes Kind darf eine kleinere Leinwand mit der erlernten Technik gestalten und mitnehmen. Beim „Action Painting“ werden Leinwände mit Farbe auf Walzen und Rollen bearbeitet, bevor mithilfe eines sich drehenden Kreisels, der Farbe zu allen Seiten auf die Unterlage spritzt und somit phantasievolle Figuren entstehen.

Es ist ruhig geworden in der einstigen Gendarmerie-Kaserne am Zirndorfer Stadtteil Hirtenacker, deren Ursprünge bereits auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgehen. Wo bereits seit 1955 ein Sammellager für Flüchtlinge besteht, erinnert die Anlage heute noch an die Ausbildungsstätte militärisch gegliederter Polizeikräfte, die ab 1942 auch den Regimentsstab des III. Feuerwehrregimentes der Feuerschutzpolizei zur Sicherstellung des Brandschutzes Nürnbergs beherbergte. Nachdem sich die Amerikaner nach der Kapitulation der Nazis in den jetzt umbenannten "Adams Barracks" niedergelassen hatten, war also recht bald im Wirtschaftswunderdeutschland eine erste Anlaufstelle für asylsuchende Personen geworden.

Verlagsangebot
Wenn die ZAE demnächst zum "Anker­Zentrum" (Ankunft, Entscheidung und Rückführung) wird, sollen insgesamt höchstens 500 Flüchtlinge untergebracht werden. So viele, wie es die Höchstgrenze in der bisherigen Erstaufnahmeeinrichtung vorsieht. Laut Regierung von Mittelfranken kommen immer noch täglich rund 20 Menschen nach Zirndorf, wollen einen Asylantrag stellen und werden oft erst einmal in der ZAE untergebracht. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann sagte bei seinem Besuch am 11. Juni, dass die Staatsregierung eine Sanierung der Gebäude plane. Ansonsten erfülle die Erstaufnahmeeinrichtung Zirndorf weitgehend die Anforderungen an ein "Ankerzentrum". "Außer dem Namenswechsel wissen wir noch nicht, welche Auswirkungen die Umwidmung hat", sagt der Zirndorfer Gemeindepädagoge Erwin Bartsch, Sprecher der Asylgruppe Zirndorf.
Heimat auf Zeit

Zur Hoch-Zeit der sogenannten Flüchtlingswelle im Herbst 2015 war Zirndorf das Sammelbecken für viele hunderte Menschen. Schnell wurden seitens der Regierung von Mittelfranken Programme aufgelegt, wie die Neuzugänge nicht nur mit dem Nötigsten für Leib und Leben, sondern auch für Seele und Geist versorgt werden. Mit dabei auch verschiedene caritative Einrichtungen von Diakonie und Caritas. Und wegen der langen Geschichte der ZAE vor der Haustüre als "Profis" zu bezeichnende "Asylgruppe Zirndorf", die bereits seit 1988 Flüchtlingen Begegnung, Hilfe und Unterstützung in ihrer Lebenssituation anbietet und ihnen – so das Motto – eine "Heimat auf Zeit" schenken möchte und in der ehemaligen Kapelle der Kaserne kostenlosen Schulunterricht für Kinder zwischen acht und 14 Jahren anbietet. "Auch wenn der Heimatbegriff aktuell sehr strapaziert wird, stimmt er so immer noch. Das Unterrichtsangebot ist eine kleine und kurze Schul-Heimat auf Zeit. Für viele Flüchtlingskinder ist der tägliche Unterricht wieder ein Stück normales und gut geregeltes Leben, nach Fluchtweg und Verlust der alten Heimat. Sie werden als Kinder wahr- und angenommen, die etwas können und wollen. Erste Erfahrungen mit der deutschen Sprache als kleine Hilfestellung beim Wechsel in die Regelschule", erklärt Bartsch.

Schon im Schuljahr 2014/2015 begann der Schulunterricht für noch nicht schulpflichtige Flüchtlingskinder in der Erstaufnahmeeinrichtung. Er wurde noch ganz alleine von einer staatlichen Lehrkraft gehalten. Im Schuljahr 2015/2016 hatten die Belegung und damit auch die Schülerzahlen kräftig zugenommen, sodass ab 2015 die staatliche Lehrkraft bereits von den Ehrenamtlichen unterstützt wurde. Ab dem Schuljahr 2016/2017 bis heute wurden die Stunden der staatlichen Lehrkraft ganz abgezogen. "Es gibt auch von der Regierung von Mittelfranken keinerlei staatlichen Schulstunden mehr dafür. Auch die Einstellung von sogenannten Drittkräften kann nicht erfolgen, da es nur für schulpflichtige Kinder vorgesehen ist. Das staatliche Schulamt ist somit vollkommen draußen. Es müsste wieder ein neues Projekt des Sozialministeriums erfolgen, aktuell ist aber nichts in Aussicht", schildert Bartsch.
Der Unterricht wird seither von den Ehrenamtlichen alleine gestemmt wird.
Mittel werden gekürzt

"Ich habe die ganze Zeit eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten, die wird nun aber gestrichen. Jetzt mach ich halt ehrenamtlich weiter" – Petra Heller trägt die Entscheidung der evangelischen Kirchengemeinde in Zirndorf mit Fassung. Zwei Jahre war sie dort geringfügig beschäftigt, Anlass war die Betreuung der Notunterkunft im ehemaligen Praktiker-Markt. Da diese aber im Juni aufgelöst wurde, fiel aber auch der kleine Nebenjob weg. Aber ums Geld geht es ihr nie, wenn sie regelmäßig als Teil der "Asylgruppe Zirndorf" mit anderen sich um die schulische Betreuung der Mädchen und Jungen kümmert, die hier bis zu drei Monate lang für die ersten Schritte im deutschen Schulwesen fit gemacht werden.

An ihrer Seite ist dann auch oft Marian Bakkal, die im Jahr 2000 aus dem Irak nach Deutschland kam und neben einem mittlerweile druckreifen Deutsch auch aramäisch, arabisch, englisch und türkisch spricht. "Die meisten Sprachen der Kinder, die in die ZAE kommen, decke ich damit ab. Nur mit dem fränkischen Dialekt meiner Kollegen habe ich manchmal zu kämpfen", lacht sie. Sie ist in Teilzeit beim Diakonischen Werk Schwabach-Roth fest angestellt, die das von der EU geförderte Projekt "SAFE" in der ZAE Zirndorf mit dem Schwerpunkt "Beratung von besonders schutzwürdigen Flüchtlingen" betreiben. An drei Vormittagen in der Woche ist Marian Bakkal in der Schule mit eingesetzt und hatte "volles Haus" in der liebevoll zur Schule umgebauten Kasernen-Kapelle, um deren Einrichtung die ZAE manche fränkische Dorfschule beneiden würde. Und das noch mindestens zwei weitere Jahre: Erst vor wenigen Tagen hätten die Geldgeber die Förderung verlängert, wie Projektleiterin Christa Höfler erklärt. Vor der Zukunft ist ihr nicht bang: "Das Thema Ankerzentrum nehmen wir vorerst gelassen. Auch wenn wir nicht wissen, wie viele Kinder dann hier zusätzlich unterrichtet werden sollen", meint Höfler.
Viele Stunden ehrenamtliche Arbeit

Doch das ist schon eine gefühlte Ewigkeit her. Zwar kommen immer noch täglich Menschen nach Zirndorf, wollen einen Asylantrag stellen und kommen dann oft erst einmal in der ZAE unter. "Den Unterricht besuchen aber im Schnitt zwischen 5 und 20 Schüler zu uns, jeden Tag unterschiedlich", erklärt Annegret Unnützer von der Asylgruppe, die den Stundenplan für die Ehrenamtlichen entwirft. Im Kalenderjahr 2017 seien insgesamt 310 Flüchtlingskinder aufgenommen und beschult worden. Neben Marian Bakkal und Annegret Unützer, der als geringfügig Beschäftiger für die Koordinierung und Unterrichtsvorbereitung von der evangelischen Kirchengemeinde in Zirndorf fünf Wochenstunden bezahlt werden, leisten rund 15 Ehrenamtliche an sechs Tagen je zwei Stunden Unterricht – immer zwei Mitarbeiter pro Unterrichtstag.
Jede Woche findet von Montag bis Samstag von 9 bis 10 Uhr Schulunterricht für die Kinder von sieben bis zehn Jahren statt, im Anschluss eine Stunde für die Elf- bis Vierzehnjährigen statt. "Die Schüler kommen freiwillig zu uns", sagt Unnützer. Der Unterricht sei nicht nur zum Lernen wichtig, sondern auch eine willkommene Abwechslung für die Heranwachsenden, die sich in der ZAE schnell langweilen. Nach drei Monaten greift dann aber die offizielle Schulpflicht, die Kinder und Jugendlichen werden auf die Klassen in den Regelschulen in Zirndorf und Wintersdorf verteilt. Natürlich sind nicht alle Ehrenamtlichen ehemalige Lehrer oder Erzieher. Unterrichtet wird aber immer mit handfestem Material, das zum Beispiel vom Verein "Flüchtlingshilfe München" bereitgestellt wurde.
Unterrichtsmaterialien in vielen Sprachen

Petra Heller zeigt auf das Regalsystem hinter der Tafel. Dort ist das mit Bildern und Texten ausgestattete Heft "Willkommen! – Die deutsche Sprache" in Arabisch, Russisch und weiteren Sprachen vorhanden. Wir ziehen die arabische Fassung hervor und lesen neben comicähnlichen Abbildungen, wie Handschuhe, Mantel und Pullover in arabischer Sprache heißen, auch wenn die Schrift natürlich eine andere ist. Im Schulbuch, wie es auch in einer rein deutschsprachigen Ersten Klasse zu finden sein könnte, werden die Uhr, die Körperteile und auch wichtigste Umgangsformen erklärt. "Die Kinder werden von uns am Anfang mit einfachen Rucksäcken mit Heft, Stiften oder Schnellheftern ausgestattet und bekommen eine Art Schulpass", erklärt Unnützer.
Action Painting
action painting mit Künstlerin Sabine Schwarz aus Roßta

Das Angebot für die Kinder und Jugendlichen umfasst noch mehr: Jeden Montag und Dienstag um 17 Uhr gibt es eine altersübergreifende Kreativ-/Spielgruppe mit Ehrenamtlichen. Sporadische Aktionen sind mal ein Kinobesuch oder eine gemeinsame Nikolausfeier mit Kindergartenkindern aus den umliegenden Orten. Als wir in der ZAE zu Besuch waren, gab es eine besondere Kreativstunde mit der Künstlerin Sabine Schwarz aus Roßtal, die einst den Beruf der Erzieherin mit Schwerpunkt Kunsttherapie mit Kindern gelernt hat und ehrenamtlich einmal im Monat in der ZAE vorbeischaut. Dabei entstehen große Leinwände als Gemeinschaftswerk, jedes Kind darf eine kleinere Leinwand mit der erlernten Technik gestalten und mitnehmen. Heute ist "Action Painting" an der Reihe. Dabei werden Leinwände mit Farbe auf Walzen und Rollen bearbeitet, bevor mithilfe eines sich drehenden Kreisels, der Farbe zu allen Seiten auf die Unterlage spritzt und somit phantasievolle Figuren entstehen. Das macht Spaß, und geht vor allem schnell, mit einem tollen, farbenrohen Ergebnis.
"Mir macht das einfach Freude mit den Kindern, und einmal im Monat für zwei Stunden hierher zu kommen, tut nicht weh", sagt Sabine Schwarz. Fröhliche Kinderaugen seien sowieso unbezahlbar. Damit es mit der Kommunikation klappt und die Mädchen und Jungen alle zum Zuge kommen, stehen Marian Bakkal und Petra Heller zur Seite, haben kleine Malerkittel vorbereitet, helfen, wenn´s mal nicht so recht flutschen sollte und – räumen letztlich am Ende auch wieder auf, bevor die Großen wieder zum Unterricht kommen.

Die Grenzen des durch die Schulstunden für die Ehrenamtlichen Leistbaren ergeben sich natürlich aus dem ständigen Wechsel und der kurzen Aufenthaltsdauer. "Trotz der großen Lerneifers der Kinder sind große Lernerfolge für die Ehrenamtlichen oft nicht sichtbar, da die Lern-Zeit für den gemeinsamen Unterricht zu kurz ist", meint Erwin Bartsch. Es gebe eine kleine Gruppe von Kindern, die noch nie eine Schule besuchen konnten. Diese seien dann ein ganz große Herausforderung. Die Möglichkeiten sind aber hier auch manchmal sehr begrenzt. "Aber alle kommen gerne und freiwillig in die Schule."

Das gesamte Schul- und Unterrichtsmaterial für Schüler und Lehrkräfte inklusive Einrichtung wird von Kirchengemeinde Zirndorf und deren Asylgruppe aus Förder- und Spendengeldern bezahlt und zur Verfügung gestellt. Lediglich die Heiz- und Stromkosten sowie den grundlegenden Gebäudeunterhalt des Schulraumes übernimmt die Regierung von Mittelfranken. "Die Asylgruppe bekommt für alle ihre Tätigkeiten in der Erstaufnahmeeinrichtung die volle Unterstützung durch die ZAE und der Regierung. Es besteht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die ehrenamtliche Arbeit wird sehr wertgeschätzt", erklärt Erwin Bartsch. Neben der Schule seien Mitarbeiter der Asylgruppe unter anderem noch in der Cafeteria und dem PC-Raum in der ZAE aktiv.
Caritas macht weiter

Noch früher als die Asylgruppe setzt die Caritas in Nürnberg auf dem Gelände der ZAE an – im Kindergartenalter. Die Caritas Nürnberg hat vor einigen Jahren bereits einen Raum des Geländes so hergerichtet, dass dort regelmäßig Kinderbetreuung stattfindet, wofür zwei Erzieherinnen gestellt werden. Diese wurden bisher anteilig aus den Mitteln des Freistaates Bayern nach der Beratungs- und lntegrationsrichtlinie bezahlt, die jetzt aber erschöpft sind. Zum 31 . März  sollte die Kinderbetreuung daher schließen. "Der Caritasverband führt aber die Kinderbetreuung solange fort, bis ein Ersatz zur Verfügung steht", erklärt Karin Christ Pressesprecherin der Regierung von Mittelfranken. Auf Nachfrage bestätigte dies die Nürnberger Caritas. Die Regierung steht in Verhandlungen mit entsprechenden Anbietern. Ein möglicher Partner sind die Rummelsberger Dienste für die Flüchtlings- und Integrationsberatung, die bereits jetzt schon in der ZAE Zirndorf aktiv sind.

Werden die Kinder hier also auch im Ankerzentrum eine Zukunft haben? "Art und Umfang der Kinderbetreuung werden durch die Umstellung nicht berührt", antwortet Karin Christ. Den ersten sicheren Anker für die Mädchen und Jungen der Flüchtlingsunterkunft, den werfen also weiter die Ehrenamtlichen der Asylgruppe Zirndorf aus.


Von Timo Lechner, Sonntagsblatt